…Label & Netzwerk für internationale Basssmusik…

Durch die Beton-Gänge. Erst nach der siebten Tür, die hinter ihm fest verschlossen wird, sieht Kronstädta die ersten Insassen. Ein paar Jungs hängen während der Rauchpause im Schultrakt der Jugendstrafanstalt Berlin in den Gängen rum. „Hey, yo, Mann, du bist der Rapper? Ich kann auch rappen, Mann, pass auf: Ich rapp dir was vor“ quatscht ihn einer von der Seite an und rappt seinen Style. Vielleicht hat er Glück und kann auch die GittaSpitta überzeugen, eine Gruppe von momentan zehn jungen Rappern, mit denen der Berliner Hiphop-Produzent und Experimentalmusiker Kronstädta als Dozent im Rahmen der Berufsschule im Gefängnis arbeitet. Rappen, Texten und Produzieren bringt er den harten Jungs bei und klärt sie über Möglichkeiten und Grenzen der Musikindustrie auf – zwei mal die Woche, drei Stunden.

Doch die Grenzen sind zurzeit eng gesteckt. Sowohl Universal als auch Berlin-Stuttgarter Four Music sprangen nach anfänglichem Interesse an den GittaSpittaz ab, trotz wohlwollender Unterstützung des Projekts durch Projektleiterin Birgit Lang, Knastleitung und Justizbehörde. Wohl auch aus diffuser Angst von A&R-Ehefrauen vor imaginären Repressalien, vermutet Kronstädta, der mit dem erhofften Vorschuss Studio, Ausrüstung und seine Arbeit finanzieren wollte. Doch jetzt erst recht: „Mein Traum ist, eine GittaSpitta Records Labelstruktur aufzubauen, so dass diejenigen, die diszipliniert genug sind, nach Absitzen der Strafe beispielsweise DJ-Promoter werden können“.

Nachts werden die Häftlinge weggeschlossen. Tagsüber halten sie sich, wenn sie aus der Gefängnis-Schule oder den Lehrbetrieben kommen, in Pavillons auf, Neubauten, wo sich, getrennt nach Strafdauer und Delikten, zwischen 50 und 80 Leuten befinden. Da sitzen sie vor ihren Ghettoblastern, rappen und schreiben ihre Texte. Wenn sie Scheiße bauen, zum Beispiel heimlich mit einem ins Gefängnis geschmuggelten Handy telefonieren (um beim Harmlosen zu bleiben), dürfen sie nicht aus der Zelle. Kronstädta: „Oft fangen wir einen Track an, und können ihn dann nicht weiterentwickeln, weil einer der Jungs mal wieder Einschluss hat“. In der mit Klo und Wasser ausgestatteten Zelle können sie theoretisch ewig sitzen, oft wochenlang. Manche werden klaustrophobisch und rasten aus. Wenn in einer Zelle etwas passiert, wird manchmal erst aufgeschlossen, wenn das Geschrei vorbei ist. Personalmangel ist nur eine der Ursachen.

Die Regeln des Knastlebens sind hart, sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen, über die wir nicht schreiben möchten. Die im Knast ablaufenden mafiösen Mechanismen sind für Außenstehende ohnehin nur schwer zu durchschauen. Kronstädta: „Ich versuche mich rauszuhalten. Ich greife eigentlich nur dann ein, wenn Knastkonflikte und Hierarchien in die Gruppe hineingetragen werden“. Die härtesten Typen im Knast sind die, die nie aggressiv werden: „Die prügeln auch nicht, sondern lassen verprügeln. Manche dieser sehr gefürchteten Typen reden beispielsweise immer ganz leise. Wenn so einer in den Raum kommt, wird es still“.

Gittaspitta setzen dagegen auf Ironie. In der aktuellen Gruppe rappender Häftlinge hat sich jeder eine Diktatoren-Rolle ausgesucht, aus deren Perspektive er rappt. „Das bleibt nicht beim authentischen Straßenrap-Level stehen, sondern ist etwas ambitionierter und erfordert zuweilen mehr Geschichtswissen. Aber die Jungs sind am Start, recherchieren und lesen Biografien. Und dann gibt’s Battles zwischen dem Afro-Hitler, der kaum deutsch spricht, und Stalin“. GittaSpitta haben zunehmend weniger Bock auf harte Gangster-Styles, nicht nur, weil die Knastleitung alle Songs erstmal freigeben muss. Ihre gefühlvollen Stücke über Einsamkeit im Knast und die Sehnsucht nach Liebe und Freiheit bezeichnen sie inzwischen als „Frauen-Rap“. Kronstädta: „Sie vermissen ihre Frauen und Familie. Die denken eben den ganzen Tag über das Eingesperrtsein nach“.

GittaSpitta im Gespräch mit Kronstädta

Was heißt „ganz unten sein“?

A: 23 Stunden am Tag in einer 9qm kleinen Zelle eingesperrt zu sein.

Was ist für dich Untergrund?

A: Als ich noch draußen war, war Untergrund für mich immer die U9.

Was fehlt dir im Knast am meisten?

A: Ein heißes Bad in einer riesigen Badewanne, eine Runde Solarium, und eine hübsche Frau für eine schöne Nacht.

Was ist für dich eine Traumfrau?

A: Meine Traumfrau muss auf eigenen Beinen stehen, ihr eigenes Ding machen, am besten noch darin erfolgreich sein, und sie muss mir das zurückgeben können, was ich für sie empfinde. Und sie sollte auch nicht hässlich sein.

B: Ich grüße meine Frau! Sie ist meine Traumfrau, weil sie mir vertraut und zu mir hält, wenn’s mir schlecht geht.

Was bedeutet dir Hiphop?

A: Hiphop ist Teil meines Lebens, ich bin damit aufgewachsen, das ist meine Musik, meine Kunst. Er gehört zu mir dazu und ist ein Ventil für meine Trauer und Aggression. Ich brauch den Scheiß!

Wo wird sich Hiphop hin bewegen?

A: In letzter Zeit ging’s ja gut ab, mit den ganzen krassen Gangstern, die am Mic stehen. Ehrlich gesagt, ich hab langsam die Schnauze voll davon. Ich hoffe, dass die Musik wieder mehr im Vordergrund steht und mehr geschätzt wird. Textlich finde ich persönliche Sachen immer sehr spannend und interessant. Wenn Menschen aus ihrem Leben berichten und man auch merkt, dass sie nicht irgendeinen Scheiß erzählen oder 12jährige Kiddies zu Straftaten aufrufen. Darauf kommen die auch alleine. Da braucht nicht noch irgendein Idiot am Mic stehen, um es denen zu erklären.

B: Ich sehe bis jetzt nur die Trends, die wir selber setzen und die wir euch auch bald zeigen werden.

C: Ja, Mann, hört GittaSpitta Records.

Was ist real?

A: Real? Real ist REAL, eine Supermarktkette, die ich überfallen habe. Gibt’s jetzt aber ein Zeit-Tresor, da kannste nichts mehr holen.

B: Real ist für mich jemand, der ernst meint, was er sagt. Jemand, der keine Lügen verbreitet, und real ist natürlich auch GittaSpitta Records.

Was hast du für Ziele?

A: Meine Ziele sind meine Träume, und ich hoffe, dass ich sie erreichen kann. Ein Traum ist: Ich hoffe, dass ich mit der Musik, die ich mache, erfolgreich sein kann, um mir was zu essen kaufen zu können, und das tun kann, wozu ich mich berufen fühle.

arm FB69 FB69
Anne Khan/Tim Nowacki GbR - Raumerstr. 11 - 10437 Berlin - Tel. 030/50910400 - Email: robert.defcon@brdbasss.de - USt-IdNr.: DE264336527

Datenschutzerklärung lesen