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Sonntag 18.09., 18.00 Uhr, Görlitzer Park: eine Staatsgründung

Bundestagswahl 2005. Deutschland in Uneinigkeit, Zweifel, Unklarheit und Stagnation. Unter den urnengangwahnsinnigen Mittdreißigern herrscht teils paralysierte, teils schockierte Stimmung. Einziger Lichtblick: die Gründung eines neuen Staates – durch die SPLATTERDANDY ARMEE FRAKTION (kurz: SPD-AF), die laut Flugblatt ” … nicht auf einer optimistischen Einschätzung der Lage in der BRD, in Europa und weltweit” beruht. Ich entschließe mich kurzerhand dem feierlichen Staatsakt beizuwohnen. Um 22.00 Uhr wird die Übertragung der Elefantenrunde und des höchstwahrscheinlich durch illegale Substanzen geförderten Auftritts von (wie wir nun wissen) Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder durch die Staatsgründung durch SPLATTERDANDY und seine ARMEE FRAKTION unterbrochen. Ich spreche mit Johnny M€inhof, einem der Köpfe der Aktion.

BiB: Eine satirische Veranstaltung?

JOHNNY M€INHOF: Nur wenn die BRD eine satirische Veranstaltung ist. Kurz: Es fand eine Staatsgründung statt, im Görlitzer Park – der Dicke Deutsche Staat mit einem neuen Gesetz und einer neuen Nationalhymne. Wenn ich das einen politischen Akt nenne, dann nicht weil es parteipolitisch einzuordnen ist. Schließlich ist es Unsinn, Partei-Fragen wie Mehrwertsteuer rauf, Mehrwertsteuer runter politisch zu nennen. Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass Macht ein Spiel ist, das auf dem Glauben der Untertanen an seinen Ernst beruht. Wir gründen also einen Staat, halten Wahlen ab, und simulieren so das, was draußen passiert, auf einer zweiten Ebene.

BiB: Beschimpfst Du immer das Publikum?

JOHNNY M€INHOF: Nein, sogar eher selten. An diesem Abend war es besonders heftig, weil die Situation politisch geladen war. Eine latent aggressive Stimmung, unentspannt – und dann nimmt Splatterdandy es auf sich, solche Energien auszudrücken.

BiB: Mir ist explizit im Kontext der Platte aufgefallen, dass du die Leute einerseits beschimpfst (siehe Fronttext des nazifizierten Covers der TERRORISTA CD), dich aber dann andererseits gerne wieder ins Boot der Beschimpften setzt, um selbst Teil davon zu sein.

JOHNNY M€INHOF: Das ist das, was Splatterdandy von klassischen Dandys unterscheidet. In letzter Instanz geht es nie darum, dass er über den anderen steht, der König ist, obwohl Splatterdandy seine Rolle mit Dankbarkeit annimmt. Denn am Ende herrscht das Spiel – immer – und das ist auch immer eine gemeinsame Tätigkeit. Der Boss wird gespielt – wie der Staat.

Umrahmt wird Splatterdandy von obskuren Charakteren, die omnipotent durch die Örtlichkeit performieren. Zum einen ein leichenhaft blasses Wesen, welches die grassierende Angst, die Vergangenheit repräsentiert, ein ebenso blasser Koloss in Wrestler-Outfit mit Maske und Lidl-Plus-Tütenumhang (die kleinen Preise inbegriffen), welcher den neuen Dicken Deutschen Staat darstellt, gefolgt von einem bayerischen Mädel, welche explizitem Exibitionismus frönt, und einem dazugehörigen Goldjungen, der auf allen Vieren dem Duft jedwedem Glück hinterher schnüffelt. Kollektiv wird dabei die Hymne des ‘Dicken Deutschen Staates’ gesungen.

SPLATTERDANDY positioniert sich mit seiner funky Techno-Rap Performance, gesanglich unterstützt von einer orientalischen Schönheit und dem brillanten kanadischen Gitarristen “The Iron Curtain”, ordnungsgemäß zentral hinter einem Rednerpult, und frönt dort einer intelligent-zynischen Wortakrobatik in deutscher Sprache. Ich mache ihm ein förmliches Angebot und werde freundlich, kurz und knapp am Tag der Deutschen Einheit zum Interview zu ihm nach Hause eingeladen.

Zeit zu recherchieren:

SPLATTERDANDY hat auf dem kleinen aber feinen Hamburger POP-UP Label eine Heimat und ein gutes Umfeld gefunden (welches sich u.a. für ein Remix-Album von Hildegard Kneef verantwortlich zeichnet) und dort am 11.09.2004 ein Album auf den Markt geworfen und höchstwahrscheinlich bei einem Cocktail aus Champagner, Wodka und einer ordentlichen Line ‘Kokain’ auf den plakativen Namen TERRORISTA getauft wurde (Das, im wahrsten Sinne des Wortes “fi(c)kti(ef)(v)e” Signing mit der Labelchefin, ist im Booklet nachzulesen.) SPLATTERDANDY ist die Erfindung von JOHNNY M€INHOF.
JOHNNY M€INHOF: Was mich interessierte, als ich Splatterdandy kreierte, waren Arschlöcher! Dandy ist der Begriff für die klassische Form des elitären, intelligenten Arschlochs. In dieser Tradition bewegt sich diese Figur, um zu zeigen, wie das funktioniert: Macht, Erfolg. Auch um zu zeigen, wie man Erfolg hat, wenn man über Leichen geht. Macht fasziniert mich, weil sie produktiv und zerstörerisch zugleich ist.

BiB: Dann ist Splatterdandy ein Kunstprodukt?

JOHNNY M€INHOF: Nein, ganz im Gegenteil, Splatterdandy ist eine Ausgeburt der realen Zustände. Er saugt seine Energien aus der Realität ab, nimmt Gifte aus der Umwelt auf und repräsentiert sie… also eine Real-Fiktion – könnte man sagen.

BiB: Generell gibt es eine grundlegende Diskrepanz zwischen Arroganz und Selbstkritik – in deinem Fall aber wird es zu einer Art Symbiose.

JOHNNY M€INHOF: Ja genau – Splatterdandy ist eine monströse, hybride Figur, die beides gleichzeitig repräsentiert, er erhebt sich, also die Leute kriegen auf der einen Seite das Bild von dieser arroganten Person, auf der anderen Seite wird aber auch so offen gezeigt, was dabei innendrin abgeht. Splatterdandy ist also auch ein kritisches Verfahren.

Dieses spiegelt sich permanent auf Terrorista wieder, ständig hin und her gerissen zwischen Schein und Sein, Profilieren und Scheitern vom Erklimmen der ‘tiefsten Stufe’ und dem latent bevorstehenden Fall vom höchsten Gipfel mit allen dazugehörigen Freuden wie Sex, Drogen und Erfolg. Und davon gibt es eine ganz Menge auf Terrorista, doch wer glaubt, dass diese Komponenten der metropolistischen Glückseligkeit einfach sinnlos konsumiert und kommuniziert werden, irrt im Fall von SPLATTERDANDY gewaltig. Splatterdandy, der von JOHNNY M€INHOF als Romanfigur entwickelt wurde, und Christoph Schlingensief zu einem Boxkampf herausgefordert hat (nachzulesen auf www.spiegel.de) befindet sich auf einer innenpolitischen Reise nach Jerusalem und sitzt zwischen den Stühlen von Rocco Schamoni, Mocky, Seeed und seines ehemaligen Mitstreiters Gonzales, welche alle mit güldenem Samt überzogen aber per Zufallsprinzip mit Watte oder Nitroglyzerin gepolstert wurden. Ganz nebenbei errichtet der Mann, der genauso gut das irdische Pendant von Zaphod Beeblebrox sein könnte, wenn man davon ausgeht, dass dieser mit mindestens einem seiner zwei Köpfe des Rappens mächtig ist, nicht nur den Dicken Deutschen Staat, sondern auch den ‘Pornostaat’, der ganz im Gegensatz zu Monaco offiziell damit kokettiert, von lauter Arschlöchern bewohnt zu werden. An dem gomorrschen Höhepunkt des Pornostaats werden sämtliche der weltweit 50.000 Mitarbeiter erschossen.

Bei POP-UP wird SPLATTERDANDYS Schaffen wie folgt beschrieben: “Der Flow von Splatterdandys expressionistischer Sprachgewalt wird durch die physische Funkyness von Hiphop, RaggaClash- und Dub-Grooves hedonistisch getuned – so als würde MissyE zu Gottfried Benn oder Dr. Mabuse zu SnoopDogg mutieren. Splatterdandy kanalisiert die destruktiven Eruptionen der deutschen Poptradition und macht sie geschmeidig für den Dancefloor.” Um es mal eben auf den Punkt zu bringen.

3. Oktober, 14.00 Prenzlauer Berg

Ich werde kurz begrüßt und betrete eine schöne Berliner Altbauwohnung mit hohen Decken. Ich lege meine Utensilien, die ich für die Aufzeichnung des bevorstehenden Interviews mitgebracht habe, in einem Arbeitszimmer ab, welches auf der einen Seite wändeweise mit Musik-Equipment, digitaler wie analoger Bauweise, voll gestellt ist und auf der anderen Seite mit einer Literatursammlung beeindruckt, die zu konsumieren das eine oder andere Jahrzehnt in Anspruch genommen haben dürfte.

Mit der freundlichen Bitte um ein wenig Geduld nehme ich in der Küche Platz und teile ein opulentes Brunch mit der persisch-norwegischen Mitstreiterin SPLATTERDANDYS aus der Performance im Görlitzer Park, einem Israeli, der vor zwei Tagen aus Tel-Aviv eingetroffen ist und einem äußerst gut gelaunten, türkischen Schwulen. Ich lausche, wie diese über den Mythos der ‘Judith’ sinnieren, welche irgendwen, in irgend einem Kontext, geköpft haben soll – gerade, als alle Beteiligten ihr gefährliches Halbwissen zu einer halbgaren Story verbunden hatten, gesellt sich JOHNNY M€INHOF dazu – klärt uns ganz beiläufig über die biblische Herkunft der Hebräerin Judith auf, die General Holofernes, einen Tyrannen im Auftrag von König Nebukadnezzar II, volltrunken und im Schlaf mit eigenem Schwert geköpft hat, um mich dann davon zu unterrichten, dass wir aufgrund aktueller Umstände, auf die er nicht näher eingehen möchte, unser Interview in ein Taxi Richtung Steglitz verlegen müssten, er mir die Rückfahrt aber gerne finanzieren würde. Ich willige ein.

14.30 Uhr:

Ich interviewe JOHNNY M€INHOF in einem Rauchertaxi nach Steglitz. Verbleibende Zeit: zwanzig Minuten. Mit dabei: die arabische Muse mit äußerst charismatischer Ausstrahlung und mich mit geistiger Aufmerksamkeit musternd, aber schweigend, dennoch immer den richtigen Gesichtsausdruck zur Frage findend, was mich nicht gerade sicherer macht, aber ich frage trotzdem:

BiB: Wieviel Improvisation und wieviel Konzept steckt hinter Splatterdandy?

JOHNNY M€INHOF: Grundsätzlich ist es bei Splatterdandy so, also auch bei Livekonzerten, dass man Situationen nimmt, wie sie gerade sind, und sie versucht auf den Punkt zu bringen, durch das, was man auf der Bühne tut. Das ist ein Konzept, dass sich auf die vorhandenen Lagen, die sich gerade einstellen, einlässt.

Berlin zieht an uns vorüber.

BiB: Glaubst du, dass Splatterdandy als Figur, sprich das ganze Konzept außerhalb von Berlin bzw. metropolistischen Strukturen, funktionieren könnte?

JOHNNY M€INHOF: Außerhalb von Deutschland, speziell in England, wo mein nächstes Projekt stattfindet, funktioniert Splatterdandy anders, vielleicht besser – auch wegen des schwarzen Humors, den hierzulande nicht jeder versteht. Das ist ein Problem – viele denken Splatterdandy sei bloß ein Arschloch und schließen daraus, dass ich es auch sein muss.

BiB: Findest du, dass Ironie eine sterbende Szene ist?

JOHNNY M€INHOF: Ironie ist immer eine sterbende Szene, weil es dilettantische Mitläufer gibt. Ironiker, die es einfach nicht bringen, z.B. Tita von Hardenberg bei Polylux. Zudem ist Ironie immer mit Arroganz verbunden und deshalb unsympathisch, weshalb ihre Kreativität oft unterschätzt wird.

BiB: Aha! Könnte sich Splatterdandy vorstellen, als Support für eine Lesung von Benjamin von Stuckrad Barre aufzutreten?

Die Schönheit lacht, als wenn sie mehr wüsste, dabei beziehe ich mich nur auf eine Textpassage aus dem Booklet, welche dem nicht veröffentlichtem JOHNNY M€INHOF Roman Korrupt entnommen ist und der Labelinformation, dass der Song ‘Kokain’ eben diesem Benjamin von Stuckrad-Barre (Autor Soloalbum u.a.) gewidmet sein soll.

JOHNNY M€INHOF: Support ist der falsche Ausdruck – ich könnte mir vorstellen, dass ich ihm eine Rolle zuweise in meiner Show, weil SPLATTERDANDY einige seiner Aussagen direkt von Stuckrad-Barre klaut. Stuckrad taucht als Person in einer differenzierteren Figur wieder auf…

BiB: als Marionette? … als Arschloch? …

JOHNNY M€INHOF: … er ist eines von vielen Arschlöchern, an die ich gedacht habe … Wie gesagt, ich finde Arschlöcher faszinierend und sexy. Aber es muss mit Intelligenz verbunden sein, nur dann ist es gut. Das Schwierige bzw. die Ambivalenz dabei ist, dass wirkliche Schicksale miteinbezogen werden, im Falle von SPLATTERDANDY hat sich der arme Uwe Viehmann (Chefredakteur der Spex, Anm. d. Red.) bis jetzt noch nicht davon erholt.

(JOHNNY M€INHOF bezieht sich auf seinen Song ‘Viehmannantor’, der von der Begegnung mit Uwe Viehmann am 8. Mai 2004 erzählt. Defcon hielt Viehmann zunächst für einen Praktikanten.)

BiB: Wer befindet sich im Dunstkreis von SPLATTERDANDY und wer ist zu empfehlen?

JOHNNY M€INHOF: Alle – es sind 25 Leute, die um SPLATTERDANDY ringen und ich kann für alle aus den verschiedensten Gründen meine Hand ins Feuer legen – denn ich arbeite nur mit Leuten zusammen, von denen ich weiß, dass sie selbständig gute Arbeit machen.

BiB: Keine Namen?

JOHNNY M€INHOF: Keine Namen! Ist nicht nötig, die sind so gut, die brauchen mich nicht.

14.55 Klinikum Steglitz:

Die Taxifahrt und damit das Interview endet unmittelbar vor der Notaufnahme des Klinikums Steglitz. Ich verzichte auf die Rückfahrt mit dem Taxi, bedanke mich für das Angebot und das Interview bei einem gelöst aber nachdenklich wirkenden JOHNNY M€INHOF, erhasche noch ein Augenzwinkern und sehe den beiden nach wie sie Hand in Hand in der Notaufnahme verschwinden. Ich verlasse das SPLATTERDANDY-Universum und begebe mich mittels Bus und Bahn zurück in meine Welt.
SPLATTERDANDY
Terrorista
(Pop-Up Records)
VÖ: 13.09.2004

Autor: Mirco Erbe

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Ami-Panzer rattern an der John-F-Kennedy-Schule vorbei – die GIs grinsen lässig und zeigen Victory-Zeichen. Es herrscht Friede in Zehlendorf. Die versammelte Schülerschaft winkt und jubelt zurück. West-Berlin in den Achtziger Jahren.

Meine Schulzeit stand im Bann der Ordnung des kalten Kriegs. Meine Lehrer waren u.a. ein Militär-Ausbilder aus Westpoint in Geschichte, ein doppelmoraliger Bible-Belt-Christ in Biologie, ein ehemaliger Blues-Barmusiker von der US-Westcoast als Musiklehrer – und alle drei waren in Vietnam im Kriegseinsatz gewesen. Die deutschen Lehrer hingegen: Ein Langhaar-Sponti als Deutschlehrer, in Politik ein 68er-SPD-Abgeordneter, ein schwuler SEW-Kommunist in knallengen roten Jeans in Physik. Und die Schul-Psychologin wählte, ihrer Zeit um über zwanzig Jahre voraus, CDU und die Alternativen. Für reichlich ideologischen Sprengstoff war also genauso gesorgt wie für unwahrscheinliche, bizarre Symbiosen – vielleicht herrschte gerade deshalb ein Geist demokratischer Auseinandersetzung, die sich freilich immer wieder an dem Ur-amerikanischen Gemeinschaftskult rieb, etwa, wenn aufgebrachte amerikanische Eltern patriotischen, sprich: weniger US-kritischen, Unterricht forderten.

Ich war, ohnehin 1970 in den USA geboren, ziemlich amerikanisch – ich hörte jedes Wochenende American Top 40 auf dem Soldatensender AFN, schaute morgens vor der Schule amerikanisches Fernsehen, und ich verehrte Martin Luther King, der für ein anderes Amerika stand als das des Kanonenboot-Liberalismus der damaligen Reagan-Ära. Und immer wieder herrschte dabei ein militärisches Moment: Als Tripolis und Benghazi 1986 von Reagan bebombt wurden, galten Hochsicherheitsbedingungen in der Schule, GIs mit MPs standen Wache, während ich mit deutscher WK-II Fliegerjacke, Hippiemähne und blauer Samthose an ihnen vorbei in die Raucherecke steuerte.

Verschlungen habe ich während der Schulzeit Unmengen von Büchern, eigentlich ständig, eigentlich alles, was ich in die Finger kriegte – in den letzten Schuljahren am liebsten Kafka, Freud, Marx, Camus, Sartre, Fromm, Benn, Heine, Georg Heym, Nietzsche, Böll, und natürlich dutzende Hardcore-Porno-Hefte und Charles Bukowskis versaute Romane und Verse, die ich im Deutsch-Unterricht vorlas. Zeilen wie „Die Highschoolgirls denken nur ans Ficken“ hinterließen betretenes Schweigen, während ich still lachte. Von Henry Miller hingegen las ich nur die Sexszenen vor – der Rest ist viel zu langatmig. Vögeln in echt lernte ich dann ein wenig später kennen, so 1988, mit meiner ersten großen Liebe Ariane. Schon war ich sexsüchtig. Auf drei wundervoll durchliebte und verfickte Jahre, die abrupt endeten, folgten jahrelang Orgien in Clubs und Bordellen.

Mein anderes Ding war die Politik. Nachdem ich mich mit 15 auf Anraten meiner Eltern entschieden hatten, doch nicht in die Junge Union einzutreten, las ich über Jahre begeistert jeden Monat die Theoriezeitschrift der Berliner Alternativen Liste, in der seitenlange und zuweilen eher mühsame Debatten über das staatliche Gewaltmonopol geführt wurden, rauchte mit meinem Freund Ben die ersten Joints, und beteiligte mich an Demonstrationen gegen Rechtsradikalismus – und, die einzige politische Handlung, auf die ich noch heute stolz bin, reiste am 4.11.1989 nach Berlin-Ost, um gegen die Diktatur in der DDR zu demonstrieren. Als Mauer und Regime wenige Tage später tatsächlich fielen, weinte ich — und fuhr Richtung Kreuzberg zur Mauer, wo mich ein euphorischer junger Türke mit Deutschlandshirt umarmte. Das war noch vor Helmut Kohls Deutschland-Vereinigung und den brennenden Nazi-Landschaften von Mölln bis Rostock.

Nach der Schule begann ich 1990 Philosophie und Politik zu studieren, zog in den in Auflösung befindlichen Ostteil der Stadt, las begeistert Foucault und Derrida, noch mehr Freud, Marx und Nietzsche, viel Theweleit, Luhmann. Damals begann ich eigene Blues-Stücke wie „Hey Mr. Baby Shotgun Man“ auf Gitarre zu spielen und über Piano-Aufnahmen von Erroll Garner Gesang zu improvisieren, während ansonsten überall Techno brummte. Die Club- und Kunstszene explodierte. Die Nächte verbrachte man, meine Freunde und ich, in den häufig schwer zu findenden und meist illegalen Clubs in Mitte und Prenzlauer Berg, in denen eine Haltung und Ästhetik zwischen Punk-Nihilismus, Gewalt- und Pornotrash, Osttalgie-Fetischen, überdrehter Dekadenz und politisch angehauchtem, dekonstruktivem Künstleraktivismus kursierte. Dass aus der überschäumenden Anarchie einmal Yuppie-Town werden würde, ahnten wohl nur die Wenigsten. Mit einer kleinen Bar in der Eberswalder Straße, der Axt, aus der später Karel Dubas Wohnzimmerbar hervorging, wo ich ein paar Jahre Thekendienst machte, machte ich hingegen schon nach kurzer Zeit pleite.

Aus meiner ersten Besetztes-Haus-Keller-Punkband in Friedrichshain wurde ich rausgeworfen und gründete als leidenschaftlicher Sänger und Selbstdarsteller mit dem Schlagzeuger Töns die Deutschpop-Gitarren-Band „Wohnung“, in die dann sukzessive meine neue Freundin Sandra am Keyboard, der heutige Golden-Gate-Club-Betreiber Reimund an Gitarre und Vocals, alle drei studierten auch Philosophie, und schließlich der begnadete Fels am Bass einstiegen.1997 waren wir als Mitbegründer der „Wohnungsszene“ Hype der Stunde, und wurden zu unserem Befremden und zu unserer Freude zugleich in den Feuilletonspalten als „die beste Band der Welt“ gefeiert. Nur um alsbald Flyer gegen uns selbst zu verteilen und uns prompt aufzulösen.

Zum musikalischen Vollblut wurde ich allerdings erst später – nach meinem Studienabschluss mit einer Arbeit über Nihilismus – als ich 1999 als Beat-DJ und Sänger mit Raz Ohara, Gonzales und Fels zusammen unter dem Namen „Nightline City Cruisers“ an die 50 vielstündige avantgardistische Dance-Jam-Sessions im Berliner Club Maria spielte – eine geile, freie Zeit, die die subversiven und lustvollen Wunder des Partyexzess feierte. Und hoch oben auf dem Maria-Gebäude prangte in roten Leuchtlettern das Wort „Pop“. Mit Fels zusammen landete ich als „No Underground“ und dem Song „City Boy“ den ersten und einzigen Single-Hit meiner Karriere und spielte mit ihm und dem Keyboarder Jojo Büld bundesweit House-und Hiphop-lastige Impro-Sessions. Es war geil, dabei immer besser zu werden. Doch am geilsten war es, diese Zeit mit meinen besten Freunden zu verbringen.

2001 erschien mit „Burn my body“ eine der nach wie vor schönsten Platten, an denen ich mitwirken durfte, ein süßer, melancholischer Abgesang auf das Clubleben der Neunziger – die bislang letzte Platte der Band „No Underground“, der im Nachhinein wegen des Stücks “11 September” und des bedeutungsschwangeren Albumtitels “Burn my body” angedichtet wurde, die Anschläge des 11. Septembers vorhergesagt zu haben. Doch erst wenige Monate nach der Albumveröffentlichung folgte mit den Terroranschlägen in den USA und dem Zusammenbruch der New Economy mit dem historischen auch ein weiterer künstlerischer Bruch. Das Star-, Konsum- und Kriegssystem unter Führung der USA, das von der liberalisierten Linken der Berliner Republik als ziviles „Empire“ produktiver Differenzen vollends verkannt worden war, zeigte nun erstmals seit Ende des Kalten Kriegs in Afghanistan und im Irak wieder Zähne. Ein ehemaliger Mitschüler, der beim CIA gelandet war, fiel in Afghanistan. Die Neunziger waren nun endgültig vorbei. Ich tauchte mit meiner neuen Freundin Claudia im Bett ab, schrieb Unmengen an Theoriekram und Romantexte, fing an auf deutsch zu rappen und mich für den krass expressiven neuen Porno- und Gangster-Shit aus Berlin zu interessieren, um mich grundsätzlich aus meiner bisherigen Ideen-Welt zu verabschieden.

Mit diesem Werkzeug formulierte ich vieldeutige, krass überspitzte Ansagen: Mit größenwahnsinnigem Politgangstertum in Songs wie „Kühnen 3000“, benannt nach dem Neonazi Michael Kühnen, dem abgründig-existentiellen Koksertrack „Kokain“, einem Strumpfmaskenüberfall auf Universal und wüsten Publikumsbeschimpfungen, gerappten Dekadenz-Sittengemälden wie „Sado-Seminar“ oder dem Disco-Liebeslied „Disco 9/11“, das den 9/11-Fanatismus der Bush-Clique dem allgemeinen Gelächter preisgibt, sprengte ich auf der Platte „Terrorista“ mit Stil-Anleihen beim Deutsch-Gangsterrap dessen Fixierung auf Sozialpädagogen-Klischees von Authentizität, um der Idee des politischen Rap wieder eine zeitgemäße Bedeutung zu geben. So entstand Splatterdandy – ursprünglich eine Parodie auf George W. Bush, dann eine von mir verkörperte Figur auf der Bühne, die mit diesem nicht mehr viel zu tun hatte.

Die Frau meines Lebens, Raqia Khan, lernte ich 2005 kennen. Zusammen gründeten wir das Elektrorap-Projekt „A.M.T.“, das für mich die Krönung und Essenz all dessen ist, was ich nun seit über zehn Jahren mache. Gemeinsam mit vielen internationalen Künstlern sind wir Teil des Produzenten- und Künstlerkollektivs brdBA$$$, das eine klare künstlerische und politische Agenda in die von Elektroschluffis mit Luftballons, Minimal-Druffis und Adrenalin-Rappern erschlaffte  Clublandschaft bringt.  Die Panzer hingegen rollen weiter – heute weit entfernt von Berlin. Nur der Jubel lässt nach.

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